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Stadionbesuche sind durch nichts zu ersetzen
Autor: Fube am 18.06.2018 - 21:02
Spielszene

©istock.com/domoyega

Fußball lebt von den Emotionen der Fans. Jetzt, wo bereits die Supermarktregale hamsterkaufartig leergefegt werden und sich die Bratwürstchen und Sixpacks in den Einkaufswagen stapeln, kann es nur einen triftigen Grund dafür geben: Die Weltmeisterschaft steht vor der Tür!

Der Fußballfan an sich wird für gewöhnlich mit dem Ligabetrieb und den Pokalwettbewerben ausreichend mit Content versorgt. Sowohl durch das Bewegtbild der jeweiligen Spiele, als auch durch die prall gefüllten Sportressorts der Zeitungen und Zeitschriften des Landes. Analysen vom letzten Heimspiel oder ein potenzielles Transferziel werden ebenso verschlungen wie boulevardesque Homestories von Spielerfrau, Gatte und dem letzten gemeinsamen Urlaub in der spielfreien Zeit.

Die Sommerpause – eine lange Durststrecke

Alle zwei Jahre versinkt der Fan im Sommer in eine ungekannte Form der Lethargie. Keine Pflichtspiele, der Lieblingsspieler, dessen Name das zuletzt erworbene Trikot ziert, wechselt zum direkten Konkurrenten und lässt die romantisierte Vorstellung des Fußballs bröckeln wie der poröse Stein in den deutschen Fußballstadien abseits des Glanzes der Profiligen. Immerhin ist Fußball Volkssport Nummer eins und bietet eine perfekte Grundlage für eine umfassende gesellschaftskundige Analyse – wie in Werner Skrentny's "Das große Buch der deutschen Fußballstadien".

Denn die Stätten abseits der großen Tempel, die neben ausfahrbarem Rasen, Wellnessfarm-anmutenden Umkleidekabinen inklusive Jacuzzi und Eistonne, auch Fans mit großzügig beheizten Toiletten aufwarten, ist noch etwas vom ursprünglichen Geist des Sports zu finden. Grundsätzlich lässt sich mit folgender Gleichung leicht lösen: je niedrigklassiger, desto ehrlicher und emotionaler.

Und genau deswegen könnte die triste, spielfreie Zeit von in die funktionale Bedeutungslosigkeit abdriftenden Fans auf den Asche- und Rasenplätzen der Republik verbracht werden. Die Zuschauerzahlen zumindest belegen einen Anstieg an Zuschauern in den Ober- und Regionalligen.

Denn der Amateursport gilt zwar unter eingefleischten (oder sich selbst als "echte" oder "wahr" betitelnde) Fans als Rückkehr zu den Wurzeln des Sports – abseits von schnellen Sportwagen oder Magermodels, deren Eintrittskarte zur eigens designten Schmuckkollektion ein national Bekannter Nachname ist.

Das Problem mit Amateurvereinen jedoch ist, dass die Strahlkraft der jeweiligen Vereine meist nicht weit über die unmittelbare Nachbarschaft des Vereinsheims hinausreicht. Auf den, nennen wir sie mal beschönigt Tribünen, stehen ehemalige Spieler neben Familie und Freunden und den alten Herren, die schon wie die Eckfahne oder der vergilbte WM 2006 Wimpel und zerfranstem Plüsch-Goleo im Kassenhäuschen, seit Urzeiten zum festen Inventar der Sportanlage gehören zu scheinen.

Ein hoch auf die Digitalisierung

Damals, als die Relevanz von Hobbyteams noch bedeutend niedriger war, konnte man mit etwas Glück in den Regionalanzeigern vereinzelt dreizeilige Spielberichte und das Ergebnis nachlesen. In der heutigen Zeit gehört es aber bereits zum guten Ton und einer guten PR-Strategie, ohne die heutzutage unabhängig der Ligazugehörigkeit nichts mehr geht, die Spiele des Vereins über die verschiedenen Streaming-Plattformen wie beispielsweise Facebook oder gar etwas nischiger ausgerichteten Anbietern wie Sporttotal.tv zu übertragen. Stadionatmosphäre und Kommentar mit aufgesetzter Vereinsbrille inklusive.

Dass die Übertragungen für gewöhnlich der sportlichen Leistung der Clubs in seiner Amateurhaftigkeit in nichts nachsteht, darüber sollte man hinwegsehen können. Schließlich übersteigt das mediale Budget der Vereine oftmals nicht mal das tägliche Salär eines Profis.

Aufwertung von unattraktiven Spielen

Niedrigklassige Spiele versprechen meist nur in Ansätzen ausgeprägte taktische Finesse und Spielwitz. Die Messis, Ronaldos und Götzes dieser Welt spielen ja auch nicht ausschließlich aus Spaß an der Freude, sondern müssen in den Topclubs dieser Welt für keinen Hungerlohn die Knochen hinhalten. Motivation genug sollte man meinen. Doch während der moderne Fußballer mit Tattoos, frisch blondierten Haaren und einem Zahnpasta-Lächeln zwischen zwei hochdotierten Werbeterminen mal lustlos gegen den Ball tritt, so gibt es ihn etliche Ligen tiefer doch noch: den Kampf und die Leidenschaft, eben das Feuer, das jeden noch so vertrockneten und löchrigen Rasen entflammt.

Seitdem die Spiele auch in bewegtem Bild übertragen werden, sind sie auch für Wettanbieter interessant geworden. Die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen und die von Hobbystatistikern zwischen Bratwurst und Bier heruntergebrochene Analyse, welches Team wohl als Sieger den Platz verlässt, versorgt auch Wettanbieter mit nanosekundengenauen Quoten und lässt es zu, dass auf dem nächsten Kombi-Schein in Zukunft in prominenter Gesellschaft neben Arsenal gegen Chelsea oder Hannover gegen Hertha BSC auch auf unterklassige Partien wie zum Beispiel TuRa Harksheide gegen den Delingsdorfer SV für eine Kumulation der Quoten sorgen kann.


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